F ä h n d r i c h

Und vergib uns

Fähndrich_Und_vergib_uns__mp3_40MBMartin Klöti
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Eine Geschichte von Martin Klöti zu Covid-19

Es war fast vollbracht und doch nicht. Wie meinst du das, fragte ihn sein imaginäres Gegenüber: und doch nicht?! Was zum Teufel wolltest du denn noch mehr? Es gab kaum noch mehr. Du hattest fast die ganze Welt, schier das ganze Kapital dieser Welt zusammengekauft und in dir als alleinigem Eigentümer vereint. Genauso wie es im System angelegt und letztlich absehbar gewesen war. Am Ende eines Prozesses, der immer mehr Kapital bei immer weniger Reichen konzentrierte, musste es so rauskommen. Zum kleinen Kreis, der immer schneller immer kleiner geworden war, gehörte er. Oder gehörte ich eben, sagte sich Fähndrich und stockte in seinem Selbstgespräch.

Er sass im Münster, vor ihm nüchtern der Taufstein, hinter diesem leuchtend die Kirchenfenster, eindrücklich hoch in satter, farbiger Fülle. Darüber die gewölbte Decke des Kirchenschiffs, abgestützt auf mächtigen Sandsteinsäulen, ihrerseits in gotischen Spitzbögen auslaufend, bis sie in der Mitte der hohen Decke aufeinander trafen. In weiter Offenheit trennten sie Haupt- und Seitenschiffe.

Seine Augen folgten still den klaren Linien des Gewölbes. Den Kopf im Genick und mit offenem Mund kramte Fähndrich in seinem tief verschütteten Schulwissen und versuchte sich zu erinnern, wie alt diese Mauern sein mussten. Er stellte sich vor, was sie alles gesehen hätten und erzählen könnten. Es überkam ihn ein Gefühl, wie er es schon lange nicht mehr empfunden hatte: selbst klein und bloss, unbedeutend und sterblich zu sein.

Jetzt in Zeiten von Corona mehr denn je.

Er war in die Kirche gekommen, nachdem es ihn in den letzten Tagen zunehmend gedünkt hatte, dass es ihm vielleicht gut täte. Es war das Verlangen nach Stille, Einkehr und Besinnung in ihm gewachsen und er hatte sich nicht weiter darüber gewundert. Zweifel waren über ihn gekommen. Bis vor kurzem war er es sich gewohnt, seiner mächtig zu sein, entschlossen, zielbewusst, messerscharf im Denken, glasklar im Tun, entschlossen im Handeln. Ein Leben lang hatten sich seine einzigen Fragen allein um den nächsten Deal gedreht. Nun, kurz bevor der fast letzte geschafft war, hatte ihm Corona einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Sein enormes Vermögen, es war nicht mehr. Es hatte sich in der weltweit grassierenden Krise aufgelöst und im Strudel der staatlichen Notprogramme und unermesslichen Kredite mit erschreckendem Tempo relativiert. Es war geschleift und schliesslich für nichtig und wertlos erklärt worden.

Dem Internationalen Währungsfonds und in dessen Gefolge in corpore allen Nationalbanken war letztlich nichts anderes übrig geblieben, als das globale Finanzsystem für gescheitert zu erklären. Zu schwer hatten drohende Staatsbankrotte gelastet, als dass es auch nur im Ansatz einen Sinn ergeben hätte, sich die grenzenlos gewordenen Verschuldungen gegenseitig vorzuhalten, geschweige denn irgendwie und irgendwo zu verrechnen. Gegen solche Dimensionen war kein finanzpolitisches Kraut mehr gewachsen. Die Währungshüterinnen und Währungshüter hatten lange vor Corona ihr Pulver verschossen mit sich überschlagenden Leitzinssenkungen. Sie hatten damit die Aussichtslosigkeit der internationalen Finanzwelt übersteuern wollen.

Er fühlte sich leer, matt, erschüttert in seinen Grundfesten. Verstand nicht mehr, was vor sich gegangen war. Corona hatte geschafft, alles auszuwischen und ihn allen anderen gleich zu setzen.

Unendliche Ernüchterung, eine ihm bis anhin unbekannte, grosse Leere hatte sich in ihm breit gemacht. Das hatte ihn hierher gebracht, wo er sich nun auf der zweitvordersten Bank vor Taufstein und Orgel fand. Vielleicht würde es ihm hier möglich sein, dem Unerklärlichen eine Erklärung, dem Erschütternden festen Boden, dem entglittenen Glück eine innere Wahrheit zu geben.

Ich habe gesündigt, begann sich in seinem Kopf nach geraumer Zeit ein suchender Gedanke festzusetzen. Ich habe zusammengekauft, durchgepeitscht und eingetrieben, über den Haufen geworfen und unter Kontrolle gebracht, angelacht und einverleibt, übernommen und platt gemacht. Ich habe erniedrigt und geschunden, verlacht und verhöhnt, zerschlagen und überrollt. Ich bin eingedrungen und habe gewildert. Ich habe ausgeliefert und ausgeschlachtet.

Mit gesenktem Blick schaute er zu, wie sich seine eine Hand in die andere legte. Melancholisch. Jetzt mach mal halb lang, schreckte er auf: Es war nicht alles so gewaltsam, wie du jetzt meinst, meldete sich eine zweite Stimme in ihm. Du hast auch gelehrt, geleitet, geführt, gezahlt. Du hast es gerne getan und viele sind dir gerne gefolgt. Schon, und doch: War es gut? Hat es was gebracht?

Und vergib uns unsere Schuld, hörte er sich weit weg sagen. Verwundert versuchte er, seine Schuldigkeit zu fassen. Ob gern oder nicht, ob im Guten oder im Schlechten, ob dafür oder dagegen, ob ja oder nein - er begann zu erkennen, dass er allem stets seinen Willen aufgedrückt hatte. Er hatte den Wesen und den Dingen ihre Selbstbestimmung genommen, hatte sie stets in die Form gebracht, die er für richtig gehalten hatte. Die dämmernde Erkenntnis, der Natur der Schöpfung und dem Lauf der Dinge seinen Willen aufgedrückt zu haben, gedrängt oft mit Macht, Kraft und Gewalt – es begann ihn in diesem Moment der Ernüchterung zu stören. Und es gab ihm mehr denn je zu denken. Dass er bei allem, was er erreicht hatte, nie wirklich Glück empfunden hatte, wenn er ehrlich sein wollte, erschien ihm nun nicht weiter verwunderlich. Er war sogar bereit, es so zu verstehen und damit in Verbindung zu bringen, dass er, so sehr er mit dem Ausdruck haderte, gesündigt hatte. Genau bedacht, hatte er sich schuldig gemacht an den Menschen, an den Kreaturen, am Wasser, am Land, an den Pflanzen, am Leben, am Universum, indem er sich vor sie gestellt hatte. Ob bewusst oder unbewusst hatte er ihnen mit jeder seiner Handlungen und mit jeder seiner Verfügungen und Anordnungen die Möglichkeit genommen, selbst ihr Sein zu bestimmen, Sinn und Erfüllung zu erfahren.

Sondern erlöse uns von dem Bösen, flackerte es in seinem Kopf auf. Es machte ihn melancholisch. Er begann zu realisieren, wie leid es ihm tat. Auch selbst tat er sich leid, denn genau genommen war es ihm selber nicht viel besser ergangen. Auch sich selbst war er im Weg gestanden – getriggert von seinen Zielen, seinem Ehrgeiz, seinen Plänen, seinen Absichten, seinen Aktionen, seinem Tun. Plötzlich war er sich gar nicht mehr so sicher, ob es existentiell erforderlich gewesen war, so zu sein, wie er gewesen war. Auch für alle anderen, für seine Mitwelt, die ihm zugedient hatte? Wie hätten nur schon all die Menschen sonst ihr Leben gefristet, denen er Arbeit gegeben hatte?

Mit gefalteten Händen und gesenktem Kopf sinnierte er den verpassten Möglichkeiten nach, einen Mittelweg gesucht zu haben zwischen notwendigen Strukturen zur Sicherung der Existenz und dem Recht auf Räume und Zeiten bar jeder Absicht. Genug Raum also für konditionsloses und urteilsfreies Sein, Entdecken und Erleben. Erschrocken erkannte er in diesem Augenblick, wie er seine Lebenszeit vergeudet hatte mit seinem operativen, mechanischen Tun. Mit dem dumpfen Gefühl der Ungewissheit versuchte er sich tröstend einzureden, dass er und seine Zeit es für die kommenden Generationen auf sich genommen hätten, damit diese es dann besser richten werden.

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Wie er so in sich versunken war, erkannte er, dass er die Auswirkungen seiner Taten nur heilen konnte, wenn er konsequent die Finger von seinem Tun lassen würde. Sich selbst überlassen, auf keinen Fall irgendwie beeinflusst, abgelenkt oder gar irritiert, würden die Wesen und Dinge zur Ruhe kommen. Und damit ihre Selbstheilungskraft mobilisieren können.

Ein auffallend heller Punkt erweckte seine Aufmerksamkeit. Er hob seinen Kopf und fixierte fasziniert den Lichtstrahl auf der Sandsteinsäule links von ihm. Die Sonne hatte ihn in diesem Moment durch die Spitze des gotischen Fensters geschickt. Doch, ich habe gesündigt, oft und in mancher Hinsicht. Das ist mir heute klar. Mit meinen schnellen Antworten und Reaktionen, wenn auch gut gemeint, habe ich andere überfahren und vom eigenen Willen und Weg abgebracht. Wissen, können, planen, kaufen, regeln. Das war mein Takt. Doch das Glück, das Gute, das Vertrauen, die Ruhe - sie lassen sich weder kaufen noch lenken noch zwingen. Sie werden einem geschenkt. Sie - auf Teufel komm raus - zu fordern, erscheint mir nun als Verfehlung. Das misslingt, lässt ihre Kraft weichen, ihre Quelle versiegen. Genauso wie die oft unbedarfte Einbildung, ich bin die oder der Grösste, Beste, Schönste, Stärkste narrt und stresst, in keiner Weise stimmt, nichts zu erfüllen vermag. Meine ewige Einteilung in Gut und Böse, in besser und schlechter, erniedrigte sowohl die Guten wie die Bösen und sowohl die Besseren wie die Schlechteren, allein dadurch, weil ich mich mit meinem Urteil über sie erhoben hatte. Sich ein Bild von etwas zu machen, es mitzuteilen und daran festzuhalten, schränkte die Vielfalt und Kraft des andern ein. Ja, ich habe gesündigt. Es ist wohl eine Gratwanderung zwischen anregen und einschränken, zwischen kommentieren und vernageln. Urteilen ist ein Tabu, woher habe ich mir dazu je das Recht genommen?!

Seine Augen folgten dem sonnigen Fleck. Ruhig beobachtete er, wie feiner Staub um Lichtkegel tanzte. Du darfst dir vergeben, denn es ist nicht allein deine Schuld. Du bist so aufgewachsen: geliebt und gleichzeitig getrieben von deinen Eltern und Grosseltern mit Aufforderungen, Erwartungen und Belohnungen, mit Lob und Kritik. Du bist geprägt von der Gesellschaft in ihrer Tradition und Kultur, von der Schule, vom Kindergarten, vom Ruderclub, vom Turnverein, von der Studentenverbindung, vom Militärdienst: Du kannst, du bist, du wirst! Zeugnisse, Diplome, Ranglisten, Medaillen. Sie haben dich geformt, gereizt, getrieben, geprägt. War es nicht ein Privileg, sie zu schaffen, zu erreichen, zu erhalten? Was ist mit all denjenigen, denen solches verwehrt blieb, die untergeordnet und geächtet wurden, in schreiender, systemischer Ungleichheit nicht die geringste Chance dazu hatten?

Schliesslich hast du selbst gewirkt als Elternteil, als Lehrperson, als Führungskraft, sogar als ergraute Eminenz. Wie viel hast du gefordert und vermeintlich befördert, reklamiert, moniert, gelobt und bestätigt? Mit welchem Recht? Blumen und Bäume tun das nicht. Sie stehen da und blühen und lassen alles andere um sich herum unkommentiert sein, wie es ist. Stark und fruchtbar. Da ist keine Absicht, kein Wenn und Aber, keine Bedingung, keine Erwartung.

Heute empfinde ich Reue, gestand sich Fähndrich ein, denn ich habe es verpasst, mit der Mitwelt eins zu sein, mit dem Wind, der Sonne, dem Wasser, der Wärme, der Kälte, der Erde, dem Wald, den Pflanzen, den Tieren, den Menschen. Klar habe ich sie gesehen, doch habe ich sie auch wahrgenommen, erlebt, geliebt, mich mit ihnen vereint? Habe ich es am Ende nicht verpasst, Wertschätzung und Liebe zu geben und zu leben? Schon, gab er sich zu, doch war es auch genug gewesen? Stets drängte die Zeit, die nächste Aufgabe, die nächste Abmachung, ein nächstes Ziel, ein nächstes Muss. Das riss mich immer wieder von ihnen weg. Ständig musste ich irgendwo sein, auch wenn ich es mir selbst auferlegt hatte. Denn es gehörte sich so. Alle taten das so. Die Zeit, besser gesagt die Zeitmessung, sie erzeugten uns die Zwänge, setzten uns die Grenzen, die Anfänge und die Enden. Die Zeit hatte nicht zugelassen, zeitlos zu sein, das Leben unbedarft fliessen zu lassen und im Moment zu leben. Erbarmungslos getaktet waren wir schliesslich mit den Smartphones und den Mailboxen, zugedröhnt und aufgescheucht von nicht abreissen wollenden Schuldgefühlen, angstvoll getrieben, die Zeit nicht zu nutzen und schon wieder das Nächste zu verpassen. Ich habe gesündigt, denn ich selbst habe diesen Takt gemacht, verfügt, gefordert, habe Dinge, Systeme und Irrtum in die Welt gesetzt. Ich habe sie mitverbreitet. Mit meinem Geld, mit meinem Konsum, mit meiner Gier und dem Marketing von Unternehmen, Konzernen und Plattformen bin ich mitschuldig am Irrsinn, die Menschen bis in die hinterste Ecke dieser gottverlassenen Welt ferngesteuert und dahin getrieben zu haben, permanent in Geldnot zu sein, überschuldet und von Schuldeintreibenden verfolgt. Die Anrufe auf ihren Smartphones hatte sie regelmässig aufschrecken lassen, ob da nicht schon wieder jemand war, der ihnen Neues aufschwatzen oder sie an ihre offenen Rechnungen erinnern wollte. Tatsächlich war es letztlich nur noch ums Geld gegangen. Und in der Absicht und Not, es in der Zeit zu organisieren und zu beschaffen, eben nur noch um die tickende Uhr. Wahre Inhalte und lebendige Werte, so etwas wie Glück und Freude, waren da längst auf der Strecke geblieben.

Dem Lichtstrahl folgend, blieb sein Blick an einer prächtigen Rose im Kirchenfenster hängen. Er verweilte selbstvergessen bei ihr. Sie leuchtete intensiv rot.

Wie im Himmel so auf Erden. Ich wünsche mir noch einmal das Glück, angekommen zu sein, endlich ohne jede Endlichkeit. In einem besonderen Moment hat jede und jeder schon dieses wundersame Gefühl gehabt, angekommen zu sein. Es ist die totale Erleichterung, die nährende Geborgenheit, die reine, in sich ruhende Freude. Angekommen sein: Man hat es erlebt und musste es jeweils schon nach kurzer Zeit wieder ziehen lassen, hatte aussteigen müssen aus dem angekommen Sein, weil die Zeit abgelaufen war, das Geld auszugehen drohte, die Pflicht erneut gerufen hatte. So will ich vergeben und selbst um Vergebung bitten für das Verschulden, für den Zeitdruck, das Kommando, den Auftrag, den Wunsch, den Rat, das Urteil.

Neben der Rose machte er im farbigen Fensterbild eine satte, gelbe Ähre aus mit langen, geraden Borsten. Wiederum daneben eine zarte, schlanke Hand, die sie aufzunehmen schien.

Okay, vergeben! Ich vergebe dir, ich vergebe mir, flüsterte er sich selbst zu. Er atmete ruhig, während sein Blick nachdenklich und länger als üblich bei den Motiven verharrte, die er im Kirchenfenster entdeckt hatte.

Und stattdessen? Was dann?
Nichts! Einfach nichts. Auf jeden Fall vorerst mal. Stecker raus und neu beginnen.

Er schluckte betreten. Denn er realisierte, dass dies gerade irgendwie der Realität entsprach, seit Corona dafür gesorgt hatte, dass das scheinbar Reale so relativ geworden und in weite Ferne entrückt worden war. Auf jeden Fall für die Menschen, verteilt über die ganze Erde - die Menschheit, die Homosphäre, sie waren extrem relativ geworden.

Und dann?
Dann schauen wir. Wonach und wofür?
Vermutlich falsche Frage, führt wohl zum alten Schlamassel.
Sondern?
Sondern erst mal stehen lassen. Auf Distanz gehen. Durchatmen. Und erkennen.
Was?
Sich selbst, die andern, die nächsten, das Umfeld, die Mitwelt.
Und es schleifen lassen?
Falsches Wort, schon wieder. Ja, schon, schleifen lassen und doch nicht. Viel eher gedeihen lassen, wirken, entfalten, wachsen lassen. Seinem eigenen Weg, seiner Energie, seiner Intuition, seiner Bestimmung folgen. Ein Sensorium entwickeln, ein feines, sensibles Gefühl fürs eigene Wesen und für das der Nächsten, für das besondere Talent, für den eigenen Beitrag, ungeachtet dessen, wie gross er ist. Er ist in jedem Fall kostbar.

Das erscheint mir sehr schwer und es kommt wohl grundsätzlich einer neuen Fähigkeit gleich, sich leben und wirken zu lassen, ohne die Dinge zu drücken und die Menschen einzuschränken.

Wäre es also okay, passiv zu sein? Wohl eher, sich schlicht anbieten ohne jede Erwartung auf Beachtung, Respekt, Gegenleistung oder Belohnung. Denn solche Erwartungen machen das Angebot schnell verdächtig, entlarven und verwässern es. Schnell würde klar, dass es um etwas anderes als das eigentliche Angebot geht, nämlich eben um den Hintergrund der eigenen Erwartung.

Ein Angebot ohne jede Bedingung also, einzig und allein aus freien Stücken und aus seiner eigenen Kraft. Geben ohne Erwartung, Annehmen ohne Verpflichtung – beides ohne Abwägen, spontan, bei Gelegenheit, in Hülle und Fülle, täglich, stündlich, immer, hier und dort und überall.

Fähndrich richtete sich ruckartig in der Kirchenbank auf. Seine Hände umfassten fest die Lehne der vorderen Sitzreihe und er spürte, wie sein Puls begann zuzulegen. Was war ihm da so unerwartet durch den Kopf gegangen? Ungläubig hielt er sich seine rechte Hand vor den Mund, nahm bald die Linke dazu und vergrub sein Gesicht tief in beiden Händen. Wir sind so geprägt, dass nur jemand etwas bekommt, der auch etwas gibt. Unser Antrieb war bis anhin: Wir machen das, ich weiss, wie’s geht, ich kann das, wir schaffen und erreichen das. Und von nichts kommt nichts, pflegten wir zu sagen. Vielleicht war ja gerade das viel zu konkret, krass eng gefasst, naiv. Was heisst denn „nichts“? Ist nichts wirklich nichts oder eher ganz im Gegenteil vielleicht erst recht die ganze Fülle? Wo rein nichts aufgestellt wird, kann sich anderes voll ergeben. Wo nichts ist, kann die Leere von anderem gefüllt werden. Kann sich anderes realisieren und wahr werden. Was es braucht, um dieses Volle zu erkennen, zu schätzen und gewähren zu lassen, ist eine spezielle, besondere Gabe. Die sind wir uns nicht gewohnt. Das wagen und können wir nicht. Es ist schwer auszuhalten, weil es da nichts gibt, was mit den Augen sehen, mit den Händen fassen, mit der Nase riechen, mit den Ohren hören, auf der Haut spüren kann. Nichts ist unfassbar, scheinbar nicht existent, surreal.

Surreal. Dieses Wort brauchten die Menschen gerade häufig, wenn sie erzählten, wie sie Corona erlebten.

Fähndrich folgte der schlanken Hand an der Ähre, dem anschliessenden dünnen Arm und gelangte zum gütigen Gesicht einer Frau, die sich zur Ähre niederbückte. Da realisierte er: Das Nichts bedingt die Kraft der Seele und den Mut des sich Fügens, des sich Ergebens, des Wachsen und Geschehen Lassens, des sich Mitnehmen und des sich Aufgehen Lassens. Den Menschen, die gewohnt waren, sich ausschliesslich auf ihren Kopf, ihre Hände und Füsse zu verlassen, war das schwer zugänglich, irr, fremd, gewesen. Sie hatten nicht über das notwendige Instrumentarium und nicht über die geeigneten Mittel verfügt, um die Kraft zu erfassen, die im und aus dem Nichts entsteht und an welche die gnadenvolle Seele andocken kann.

Verwundert über seine eigenartigen Gedankengänge freute er sich über die Erkenntnis und versuchte, respektvoll seiner bisherigen Logik folgend, sie in gewisse Konsequenzen zu münzen. Aufgeschreckt von diesen gewohnten Ausdrücken versuchte er eine neue Formulierung zu finden und gab sich mit sanfteren Bezeichnungen wie „Lehren“ oder „Einsichten“ zufrieden. Wie auch immer, wichtig war ihm der Versuch, die Folge seiner Erkenntnis erst sich selbst verständlich zu machen:

Alle Menschen dürfen sorglos leben, wagte nun Fähndrich seine erste These und war verwundert, dass sie ihm nicht mal besonders mutig erschien. Gleichzeitig realisierte er, dass die Aussage wohl über die Menschen hinaus auf alle Kreaturen anzuwenden sei. Doch soweit wollte er in diesem Moment gar nicht gehen und beruhigte sich damit, dass es zumindest für die erste seiner beiden Erkenntnisse auch gar nicht nötig sei: Sorglos kann heissen, sich nicht sorgen zu müssen, weil da nichts ist, worum man sich sorgen müsste. Weil da nichts ist, das zu Ende oder verloren gehen kann. Weil diese physische, oft materielle Dimension, die uns so sehr ans Gängelband genommen hatte, nun jeder Bedeutung entbehrte. Es lohnte sich nicht, sich ihretwegen Sorgen zu machen.

Selbstverständlich war ihm nicht verborgen geblieben, wie sich die Menschen Sorgen um ihre Existenz, um das Existenzminimum, um die Existenzgrundlagen gemacht hatten. Nun, wo er sich in so grundsätzlichen Fragen aufhielt, lag es ihm ferner denn je, sich darüber zu mokieren. Gleichzeitig spürte er, wie es ihn zu einer Gleichgültigkeit hinzog, die ihm bedeuten wollte, dass die Fragen nach Anfang und Ende einer Existenz letztendlich müssig waren. Was war sie denn, diese Existenz? Wo und wie inszeniert sie sich? Und wenn sie einen Anfang und ein Ende hat, einen Eingang und einen Ausgang, was ist denn zuvor und danach? Lohnt es sich, sich darüber den Kopf zu zerbrechen? Gilt es denn, überhaupt etwas zu fürchten? Kümmert sich etwa die Eintagsfliege um ihre Existenz, bangt und kämpft sie darum? Oder fügt sie sich willenlos ein in den Rhythmus ihres Entstehens und Vergehens? Fähndrich wunderte sich überrascht, in welche unbekannten Tiefen er hier auf der zweitvordersten Bank in diesem altehrwürdigen Kirchenschiff unvermittelt eingetaucht war. Was er erkannt hatte, beruhigte ihn, nahm ihm den Gram, die Furcht, die Angst, machte ihn souverän und frei. Die Wärme, die damit in ihm aufstieg, behagte ihm und er wünschte sich, einen geeigneten Weg finden zu dürfen, der es erlauben würde, sie mit anderen zu teilen.

Nun wo sich seine innere Spannung zu lösen begann, fand er auch eine bequeme Stellung auf der Kirchenbank. Endlich vermochte er seinen nachdenklichen Blick vom Kirchenfenster zu lösen und schlug in der neu gefundenen Vertrautheit die Beine übereinander. Seine Arme umfassten die Knie, und den Kopf neigte er leicht zur Seite. Als hätte er die Lösung gefunden, lächelte er verschmitzt vor sich hin und nickte der Kanzel zu, die dabei in sein Blickfeld gerückt war.

Sein altes Ego meldete sich für die zweite These zurück: Wir überwinden effektiv und anhaltend die nun mehr eigenartige und kaum mehr relevante Bedingung, dass wir nur genügend Geld und Zeit brauchen, um unsere Existenz zu sichern und glücklich zu sein. Gesellschaftlich eingebunden und geborgen zu sein, quasi bedingungslos existent zu sein, das soll für immer und ewig das Credo, der politische Konsens sein. Auch dieser zweite Gedanke erschien ihm grossartig und nach allem, was Corona gebracht, weltweit gelähmt und dadurch in gewissem Sinne aufgeräumt hatte, auch sein privates Vermögen, das schien ihm endlich durchaus plausibel und nachhaltig gut zu sein. Lange hatte er mit dem definitiven Verdikt gehadert, dass alles Kapital null und nichtig sei. Nun war er in der Lage, damit Frieden zu machen.

Mit Corona hatte er am eigenen Leib erfahren, was es heisst, sich von alten Gewohnheiten zu verabschieden, alles zu verlieren und gleichzeitig alles zu gewinnen. Es war einzig eine Frage der Perspektive. Er legte das Kinn in seine linke Hand und stützte den Kopf, der ihm schwer wurde. Die Frage der Perspektive wollte ihm noch nicht passen. Das schien ihm doch etwas simpel zu sein. Suchend rieb er das Kinn in der Handfläche und fragte sich, ob vielleicht die Kombination seiner beiden schnell gefassten Thesen zutreffend wär, also die Grösse reiner Angst- und Sorglosigkeit mit einem gewissen Streben nach tragenden Strukturen und nachvollziehbarer Ordentlichkeit zu verbinden. Ja, diese Kombination schien ihm zur Bewältigung der Herausforderung ein guter Rat zu sein, welche die Menschheit gerade umtrieb: Sich vertrauensvoll in den (natürlichen) Lauf der Dinge schicken, die darin angelegte Ordnung lesen und konsequent für sich und sein Dasein Strukturen anlegen, die dieser Ordnung folgen.

Mit dieser Erkenntnis kehrte er erneut zurück zu dem, was ihm bis anhin vordergründig das Liebste und Grösste gewesen war. Das Geld: Hatte es eine natürliche Ordnung? Gehörte es überhaupt ins System? Und wenn ja, was für ein System war das? Auf welche Quellen ging es zurück, ich meine auf welchen natürlichen Ursprung? Folgten Geld und Geldsystem, so wie er es selbst betrieben und getrieben hatte, irgendwelchen Regeln der Natur? Es fröstelte ihn, als er ehrlicherweise bekunden musste, die Antwort ist durchs Band nein. Offensichtlich nein. Das Geld war lediglich ein geistiges Konstrukt von Theoretikern, Universitäten und Beratungsfirmen. Nur schon das zentrale Theorem und Diktat des Wachstums, das das Mass aller Volkswirtschaften gewesen war, spottete jeder Natürlichkeit eines geschlossenen Systems, das die Welt nun einmal war.

Hier auf seiner zweitvordersten Kirchenbank, nach seinem unvermittelt weiteren Gedankenausflug, beschloss er für sich nun definitiv, dass es so gut sei: Das Geldsystem, so wie es sich selbst an die Wand gefahren hatte, aufzugeben. Ihm nicht weiter die Beachtung und die Bedeutung zu geben, die er sein Leben lang darauf verwendet und – das war ihm nun klar geworden – vergeudet hatte.

Wie ein in der zehnten Runde angezählter Boxer mit geöffneter Brust und weit ausgebreiteten Armen in den Seilen des begrenzten Rings lehnte er sich in der Kirchenbank zurück. Die Frage, die ihn nun beschäftigte, war: Wie schafft der einzelne Mensch den Übergang weg vom Zwang hin zu sich selbst? Wie löst er sich aus der Starre und kommt in Fluss? Gelingt dies jeder und jedem für sich allein oder sollten wir uns als gesamte Menschheit - egal welcher Provenienz - zusammenfinden und es synchron angehen? Sicher wäre es hilfreich, wenn wir uns als Homosphäre, als grosse Weltgemeinschaft darauf einigten, wie, was und vor allem dass es nun so ist. Das nähme ganz viel Unwägbarkeiten, nun entlarvte doch möglicherweise verbissen verteidigte Irrtümer und neue potentielle Verführungen aus dem Spiel. Und wer ist die Menschheit, wer repräsentiert sie, wer spricht und handelt für sie? Die weltweiten Proteste auf den Strassen, die vor Corona noch die Medien dominiert hatten? Die Regierungen, die heute um Nüchternheit und Klärung rangen? Die Konzerne, Banken und Versicherungen, die Rettungsschirme forderten? Die Parteien, die lamentierten und an kein Ziel gelangten? Die Kirchen, die sich mit politischen Ansagen schwer taten? Die NGOs, die mobilisierten, um gehört zu werden? Die Bürgerbewegungen, die zwar solidarisch und doch zersprengt schwer zu fassen waren? Die Vereinten Nationen, die durch Abwesenheit und Einzelveto glänzten?

Mit schnippenden Fingern, versuchte er zu einer schlüssigen Antwort zu gelangen. Die Regierungen, es sind die Regierungen entschloss er sich, sprang auf und setzte sich im gleichen Bewegungsablauf gleich wieder hin. Sie waren die gewählten Volksvertretungen, was zumindest sein Land betraf, gerade einen brillanten Job machten und wie kaum zuvor das Gehör und das Vertrauen der Bevölkerung gefunden hatten. Natürlich würde es unter den weltweiten Regierungen vorgängig, vorsichtig, wohl moderiert und doch entschlossen zielstrebig einen Konsens, eine gemeinsame Aussage, eine gemeinsame Stimme zu koordinieren geben, um schliesslich zu einer gemeinsamen Forfait-Erklärung zu gelangen. Doch, das schien ihm nun eindeutig klar zu sein: Das Eingeständnis und die Erfordernis einer synchronen Transition, eines gemeinsamen Abschieds vom Bisherigen und einer gemeinsamen Ermutigung und Einladung zum Neubeginn, es hatte von den vereinten, nationalen Regierungen dieser Welt auszugehen. Hier und jetzt, koordiniert, in der Zeit, um nicht Gefahr zu laufen, im Wildwuchs des Vakuums dem gewohnten Dilemma der lähmenden Unterscheidung von gut und bös, reich und arm, langsam und schnell, dumm und gescheit von neuem zu verfallen.

Es wäre vernichtend, im Sinne des Vernichtens des Bestrebens um eine Zukunft, in der die Würde der Menschen eingebettet in ihre Mitwelt respektiert wird. Und er wünschte sich, dass der Schock der Corona-Krise genügend tief sass, um dieses entschlossene Zusammengehen der Regierungen zu befördern. Unter ihrer in den meisten Fällen demokratisch legitimierten Führung, da mochte die Schweiz in ihrer langen, friedlichen, der Neutralität verpflichteten Tradition durchaus vorausgehen und die Initiative ergreifen und den Einigungsprozess sichern. Fähndrich gefiel, was er vorerst sich selbst zurechtgelegt hatte. Sein Blick erhob sich über den Altar zurück zum Kirchenfenster, durch das die Abendsonne wärmer als zuvor schien. Im Namen Gottes des Allmächtigen. Er hätte schwören können, dass wohl die allermeisten nationalen Verfassungen eine solche Beschwörung an den Anfang stellten.

Es verhält sich wie mit den fünf Phasen, durch welche man in der Trauer um einen geliebten Menschen geht. Auf den Schreck und auf die Verweigerung folgt zuerst eine Leere, bald die Versöhnung, das Annehmen des Unabdingbaren, bis man schliesslich zurück in die Kraft findet und in den veränderten Umständen durchaus Inspiration und Weiterführendes findet. Das hatte Fähndrich einst einem Referat entnommen. Nun erinnerte er sich daran und übertrug es auf die weltweite Situation: Schreck überwinden, Angst ablegen, Frieden machen, aus der Leere finden, das Leben willkommen heissen, es gewähren lassen, ihm seinen Platz einräumen.

Die Courage zur Versöhnung, so natürlich und ursprünglich sie ist, wird für die Regierenden wie für die Bürgerinnen und Bürger in allen Nationen eine besondere Überwindung, eine spezielle Herausforderung, eine grosse Übung und eine prägende Erfahrung sein. Sie wird weh tun, wenn es ans Eingemachte geht und erklärt wird, dass die unermesslichen Schulden weltweit erlassen werden. Das wird das Finanzsystem obsolet machen, kippen, kollabieren, beseitigen lassen.

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Die weltweite Amnestie über das gesamte Finanzsystem mit all seinen privaten, institutionellen und staatlichen Beteiligten kommt einem schockartigen Eingeständnis gleich, das zum Glück abgefedert wird durch die Synchronisierung der Regierungserklärungen. Und es wird den innovativen Schub im solidarischen Zusammenstehen befeuern, wie es sich sehr spontan, ermutigend und gar beglückend ab den allerersten Stunden der erklärten Corona-Notstände erwiesen hat. Sehr kreativ sind die Menschen geworden, denn es ist längst in ihrem Verlangen, ihren Wünschen, ihren Phantasien, ihrem teils insgeheimen teils offenen Handeln angelegt. Ganze unternehmerische, neue Konzepte sind auf solcher Basis entstanden und warten nur darauf, von der offiziellen Welt nachgefragt und genutzt zu werden. Sie können mit weitreichender Wirkung eine neue Ära von Wirtschaft und Gesellschaft einläuten. Wenn die kritische Masse der solidarisch Wirkenden genügend überschritten wird, braucht sich niemand mehr blöd vorzukommen. Dann braucht sich niemand mehr vor Verhöhnung, Verunglimpfung, Pranger und Ausgrenzung zu fürchten. Dann gehen die einzelnen Aktionen in Bewegung über. Dann verwandelt sich die Scham in Freude, die Verurteilung in Bewunderung, die vermutete Subversion in dankbar aufgenommenen Mut und gefeiertes Modell. Darum auch die notwendige Synchronisierung unter den Regierungen. Denn auch Politikerinnen und Politiker sind nur Menschen und fürchten das Wagnis der Exposition wie der Teufel das Weih- respektive das Taufwasser.

Wenn ich jetzt aus dieser Kirche gehe, sagte sich Fähndrich, und mit den Menschen teile, was ich soeben überlegt habe, wird sich letztlich niemand wundern, geschweige denn empören, wenn es schliesslich von den Regierungen erlassen wird. Fähndrich erinnerte sich an die Katastrophe von Fukushima, welche die eine und andere Regierung den Ausstieg aus der Atomenergie hatte erklären und auf die Alternativen setzen lassen, die in vorausschauenden Kreisen lange zuvor schubladenfertig vorbereitet worden waren.

Sanft viel die schwere Kirchentür hinter ihm ins Schloss, als er auf den Vorplatz hinaus trat. Er blinzelte in die Abendsonne und liess seinen Blick über den Fluss zum gegenüberliegenden Ufer schweifen. Unbeirrt standen dort die behäbigen Häuser der Altstadt. Von der Baumkrone des mächtigen Ahornbaums grüsste eine Amsel laut mit ihrem unbändigen Gesang. Die Blätter trieben leuchtend grün aus den verstümmelten Ästen. Gleich vor der Terrasse, auf der er stand, durchmass ein Junioren-Doppelvierer das Wasser mit kräftigen Ruderschlägen. Bewegt folgte sein Blick dem schnittigen Boot. Er lachte froh.